Entgratung – verfahren, methoden und definition

In der modernen Fertigungstechnik spielt die präzise Entgratung eine zentrale Rolle für die Qualität und Sicherheit von Werkstücken. Erfahren Sie, welche Verfahren zur Verfügung stehen und wie sie optimal eingesetzt werden.

Was ist Entgratung?

Entgratung bezeichnet den Prozess des Entfernens von scharfen Kanten, Graten und Unregelmäßigkeiten, die während der Herstellung oder Bearbeitung von Werkstücken entstehen. Die Norm ISO 13715 definiert dabei präzise Vorgaben für die Kantenbearbeitung und bestimmt die erforderliche Bearbeitungsintensität für Außen- und Innenkanten.

Definition und Bedeutung von Entgratung

Nach ISO 13715 sind Grate unerwünschte Materialüberstände aus Fertigungsprozessen wie Drehen, Fräsen, Bohren oder Stanzen. Die Entgratung geht über das simple Materialabtragen hinaus und umfasst:

  • Gezielte Entfernung von Materialrückständen
  • Brechen scharfer Kanten
  • Konturierung von Übergängen
  • Oberflächenbehandlung bearbeiteter Bereiche
  • Qualitätssicherung der Werkstückfunktionalität

Warum entstehen Grate?

Grate entstehen als unvermeidliches Nebenprodukt bei fast allen zerspanenden Fertigungsverfahren. Bei der Metallbearbeitung bilden sie sich primär durch Materialverdrängung während des Schneidvorgangs.

Materialtyp Gratbeschaffenheit
Spröde Materialien (z.B. Gusseisen) Kleine, brüchige Grate
Duktile Werkstoffe (z.B. Aluminium, weiche Stähle) Größere, zähere Grate

Verschiedene Entgratverfahren

Die Wahl des geeigneten Entgratverfahrens basiert auf verschiedenen Faktoren wie Werkstückgeometrie, Material und Qualitätsanforderungen. Moderne Fertigungsbetriebe nutzen verschiedene Technologien für optimale Ergebnisse.

Manuelles und mechanisches Entgraten

Das manuelle Entgraten eignet sich besonders für Einzelstücke und Kleinserien. Beim mechanischen Entgraten kommen maschinelle Verfahren zum Einsatz, die eine höhere Prozesssicherheit und Wiederholgenauigkeit gewährleisten.

  • Manuelle Werkzeuge – Feilen, Schaber, spezielle Entgratwerkzeuge
  • Mechanische Verfahren – Fräsen, Schleifen, Bürsten, Gleitschleifen
  • CNC-gestützte Bearbeitung – direkte Integration in Bearbeitungszentren
  • Automatisierte Systeme – für komplexe Geometrien und Serienfertigung

Thermisches Entgraten

Das TEM-Verfahren (Thermisches Entgraten mit Methan) nutzt kontrollierte Verbrennungsprozesse bei Temperaturen bis 3.500°C. Dieses Verfahren eignet sich besonders für:

  • Komplexe Geometrien und schwer zugängliche Bereiche
  • Innen- und Kreuzungsbohrungen
  • Hinterschneidungen
  • Stahl und Gusseisen
  • Bestimmte Nichteisenmetalle

Elektrochemisches Entgraten


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Beim elektrochemischen Entgraten (ECM – Electrochemical Machining) werden Grate durch einen elektrochemischen Prozess präzise abgetragen. Das Verfahren basiert auf dem Prinzip der anodischen Metallauflösung, wobei das Werkstück als Anode und das Werkzeug als Kathode fungiert. Ein durchfließendes Elektrolyt schließt den Stromkreis, wodurch durch den anliegenden Gleichstrom gezielt Metallionen vom Werkstück abgelöst und abtransportiert werden.

  • Kontaktfreie Bearbeitung ohne mechanische Belastung
  • Ideal für komplexe und filigrane Komponenten
  • Hervorragend geeignet für gehärtete Materialien
  • Hohe Präzision und Reproduzierbarkeit
  • Besonders wertvoll in der Medizintechnik und Luftfahrtindustrie

Hochdruckwasserstrahl-Entgraten

Das Hochdruckwasserstrahl-Entgraten (HDW) arbeitet mit konzentrierten Wasserstrahlen bei Drücken bis zu 1.000 bar. Die Bearbeitung erfolgt durch rotierende Mehrfachdüsen oder Einzellanzen, die den Wasserstrahl präzise auf gratbehaftete Bereiche lenken.

  • Simultane Bearbeitung mehrerer Kanten möglich
  • Keine mechanische Werkzeugberührung
  • Vermeidung von Materialspannungen
  • Rückstandsfreie Bearbeitung
  • Umweltfreundliche Technologie
  • Hoher Durchsatz bei komplexen Bauteilen

Roboterentgraten

Das Roboterentgraten repräsentiert eine moderne Automatisierungslösung für komplexe Entgrataufgaben. Die Systeme nutzen verschiedene Werkzeugoptionen:

  • Entgratspindeln (feststehend oder gefedert)
  • Fräs- und Bohrspindeln
  • Schleifspindeln
  • Bandschleifeinheiten
  • Bürsteinheiten

Moderne Robotersysteme zeichnen sich durch ihre hohe Flexibilität aus. Sie lassen sich durch einfache Umprogrammierung an neue Bauteilgeometrien anpassen. Fortschrittliche Systeme nutzen adaptive Werkzeuge und Kraftsensoren, um auch bei leichten Positionsabweichungen eine konstante Entgratqualität zu gewährleisten. Dies macht sie besonders wertvoll für die effiziente Serienproduktion.

Zukunft des Entgratens

Die Entgratungstechnologie entwickelt sich dynamisch weiter, maßgeblich getrieben durch Industrie 4.0 und moderne Automatisierungstrends. Innovative Systeme integrieren zunehmend Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen für selbstoptimierende Entgratprozesse. Diese intelligenten Lösungen ermöglichen eine Echtzeitanpassung der Bearbeitungsparameter und garantieren präzise Kantenbearbeitung bei komplexen Werkstücken wie Plasma-, Laser- und Brennteilen.

Innovative Entwicklungen

  • Integration von KI und maschinellem Lernen
  • Selbstoptimierende Prozesssteuerung
  • Echtzeitanpassung der Parameter
  • Hybride Entgratsysteme
  • Umweltfreundliche Verfahrenstechniken
  • Kollaborative Robotersysteme (Cobots)

Ein bedeutender Fortschritt zeigt sich in der Entwicklung hybrider Entgratsysteme, die verschiedene Verfahren intelligent kombinieren. Diese Systeme ermöglichen beispielsweise den Wechsel zwischen mechanischen und thermischen Verfahren, um auch schwer zugängliche Stellen effektiv zu bearbeiten. Parallel gewinnen umweltschonende Entgratverfahren an Bedeutung, die den Einsatz problematischer Chemikalien minimieren.

Kollaborative Roboter revolutionieren zusätzlich die Branche, indem sie Hand in Hand mit Fachkräften arbeiten. Moderne Sensortechnik und visuelle Erkennungssysteme ermöglichen eine präzise automatische Graterkennung und -beseitigung. Diese technologischen Innovationen steigern die Effizienz, Präzision und Wirtschaftlichkeit zukünftiger Entgratprozesse erheblich.

Otto Fischer
Otto Fischer

Ich heiße Otto Fischer und bin ein Ingenieur mit langjähriger Erfahrung in der Automatisierung, Maschinenbau und Fertigungstechnik. Ich habe in verschiedenen Industriezweigen gearbeitet und mich auf die Optimierung von Produktionsprozessen und Maschinen spezialisiert. Auf dieser Seite teile ich mein Wissen und meine Erfahrungen, um Ihnen zu helfen, die Herausforderungen der modernen Fertigung zu meistern und Ihre Produktionsprozesse auf die nächste Stufe zu heben.